Vergessene Kleinode im Bücherregal

Angeregt durch den Eintrag von Madame Filigran auf „tangofiligran“ https://tangofiligran.wordpress.com („Gegen den Strom“) durchkämme ich meine Bücherregale nach Büchern, die bereits älter sind und nicht mehr oft gelesen werden. Nach alten, vergessenen Schätzen. Freilich finden sich Werke wie etwa Carson McCullers „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ oder Sylvia Plaths „Die Glasglocke“, doch sind sie doch so etwas wie Klassiker und sind anerkannte Werke im Kanon der Literaturgeschichte. Oder ich sehe Werke von Gustav Meyrink, die aber tatsächlich etwas Verstaubtes haben.

Deshalb suche ich weiter und stoße auf einen Autor, den kaum jemand kennt, auf den ich selbst nur über die Erwähnung vor Jahren einmal in irgendeinem Blog gestoßen bin, und den ich für unterschätzt halte: Pitigrilli…

Pitigrilli ist das Pseudonym des italienischen Schriftstellers und Rechtsgelehrten Dino Segre, der von 1893 – 1975 lebte. Als ich ihn vor ungefähr zehn Jahren las, gab es noch sehr wenig im Netz über ihn zu finden. Mittlerweile gibt es  einen Wikipedia-Eintrag, ich sehe Bilder von ihm  und einige Seiten, die Zitate von ihm zusammengestellt haben.

Ich las zwei seiner Werke. Einmal „Ein Mann jagt nach Liebe“ von 1929. (Im Orig.: L’esperimento di Paul Pott). Die Geschichte eines Richters, der sich frustriert von seinem Beruf abwendet. Die Liebe zu einer Zirkusartistin macht ihn für eine Zeit zum Zirkusclown.

Das Buch hat sprachliche und kompositorische Schwächen. So sind die Figuren eher skizziert, nicht wirklich plastisch und lebensecht. Ebenso gelingt dem Autor kaum so etwas wie ein Spannungsbogen. Was aber großartig ist an Pitigrilli, das ist seine Fähigkeit der witzigen Anekdote, des Bonmots, und vor allem die Vielzahl von psychologisch-philosophischen Aphorismen, die sich meist um die menschlichen Schwächen drehen. Leidenschaft, Betrug, Lüge und Eifersucht. Ich kenne keinen anderen Autor, der diese Fähigkeit zur aphoristischen Schreibweise hat.

Hier eine kleine Auswahl: „Dichter sind wie Parfüms, wenn sie nicht eine große Marke sind, dann riechen sie übel.“, „In Angelegenheiten der Liebe und des Testamentes ist immer das letzte gültig. Es annulliert alles Vorhergehende.“, „Die kleinen Sparer des Gefühl sind niemals katastrophalen Zusammenbrüchen ausgesetzt.“

Neben dieser Fähigkeit zur manchmal auch sarkastischen Zuspitzung weht einem in seinen Büchern oft ein sanft-melancholischer Ton entgegen: „Wir sind Staubkörnchen, die Raum herumtreiben, ohne Sinn, in wechselnder Schnelligkeit nebeneinander herfliegen, sich auf immer verlassen, sich wieder begegnen, aufeinanderstoßen, sich hemmen, ineinander verschmelzen oder sich fremd bleiben, wobei eines das andere vernichtet oder schützt. Alles ist Augenblick, Zufall, Flüchtigkeit. Wenn wir von Liebe reden, so sprechen wir immer von einer bestimmten Liebesgeschichte, die im Universum nicht die geringste Bedeutung besitzt. […] Das Leben ist eine große Spielerin, die unaufhörlich die Karten mischt. Ich habe die einige Sache vom Leben gelernt: immer wieder mutig die Karten zu mischen. […] Siehst du die Liebespärchen, die umschlungen in der Nacht spazieren gehen? Sie sind nichts weiter als diese Samenkörnchen, die durch die Luft fliegen. Es gibt nichts Gräulicheres als von Liebe zu reden.“

Ein anderes Zitat aus dem um einiges schwächeren Roman „Die Jungfrau von 18 Karat“ (von 1927) habe ich mir notiert: „Alle sind wir verfehlte Existenzen – äußerte sie in trübseligen Stunden, weil wir etwas anderes sein möchten, als wir geworden sind.“ Oder das hier: „Eien Frau lieben heißt, unser Zerebralsystem daran gewöhnen nur für sie in Schwingungen zu geraten.“, „Die Nacktheit der Frau ist absolut rein gewesen, bis wir ihr um die Schenkel ein Strumpfband gelegt haben.“, und zuletzt: „Es gibt nur zwei Kategorien von Männern: die sich verheiratet haben, und die es bereuen, weil sie sich nicht verheiratet haben – ‚Und die, die es bereuen, dass sie sich verheiratet haben?‘ – Das ist die erste Kategorie.“

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