Aus der Existenz fallen

Eine Filmszene, plötzlich wieder vor meinem inneren Auge: Da ist der Filmproduzent Kersher, der vor der Aufgabe steht eine weibliche Hauptrolle zu besetzen. Er erhält einen Anruf und wird zu nächtlicher Stunde auf eine dunkle verlassene Ranch bestellt. Dort tritt ihm im flackernden Licht einer Laterne ein Cowboy entgegen und es entspinnt sich folgender Dialog:

Cowboy: Eines Mannes Einstellung hat einiges damit zu tun, wie sein Leben wird. Könnten sie dem zustimmen?

Kersher: Sicher.

Cowboy: Haben Sie geantwortet, weil Sie glauben, dass ich das hören möchte oder haben Sie darüber nachgedacht, was ich sagte. Und haben Sie geantwortet, weil Sie aufrichtig überzeugt sind, dass es stimmt?

Kersher: Ich stimme dem zu, was Sie gesagt haben, aufrichtig.

Cowboy: Was sagte ich?

Kersher: Dass eines Mannes Einstellung sehr damit zu tun hat, wie sein Leben wird.

Cowboy: Also wenn das Ihre Ansicht ist, müssen Sie ein Mensch sein, dem nichts an einem schönen Leben liegt.

Kersher: Wieso das?

Cowboy: Halten Sie für einen Augenblick inne und denken Sie darüber nach. Können Sie das für mich tun?

Kersher: Okay. Ich denke nach.

Cowboy: Nein, Sie denken nicht nach. Sie sind zu sehr damit beschäftigt, ein Klugscheißer zu sein. Ich möchte, dass Sie nachdenken und aufhören, ein Klugscheißer zu sein. Versuchen Sie das für mich?

Kersher: Hören Sie. Wo soll das hinführen. Was wollen Sie von mir?

Cowboy: Denken Sie mal an einen Einspänner. Wie viele Kutscher hat ein Einspänner? Was sagen Sie?

Kersher: Einen

Cowboy: Also stellen wir uns vor, ich fahre den Einspänner, und wenn Sie ihre Einstellung ändern, dann können Sie mit mir fahren.

Kersher: Okay.

Cowboy: Ich möchte, dass Sie morgen wieder an die Arbeit gehen. Sie wollten die weibliche Hauptrolle sowieso neu besetzen. Lassen Sie viele Mädchen vorsprechen. Wenn Sie das Mädchen sehen, das man Ihnen heute gezeigt hat, werden Sie sagen ‚Das ist die Richtige‘. Der Rest der Besetzung kann so bleiben. Es liegt bei Ihnen. Die Entscheidung über die weibliche Hauptrolle liegt nicht bei Ihnen. Sie werden mich noch einmal sehen, wenn Sie es richtig anstellen. Sie werden mich noch zweimal treffen, wenn Sie es falsch anstellen. Gute Nacht!

Wie ein beunruhigender Traum wirkt dieses Gespräch auf mein Gemüt, ohne dass ich so recht sagen könnte was es genau ist. In ‚Mulholland Drive‘ geht es generell um die Suche nach Identität. Da ist Rita, die ihr Gedächtnis verloren hat und bei der leicht naiven aber herzensguten Betty vorübergehend unterkommt. Die beiden machen sich auf die Suche nach Ritas Identität. Mit beängstigender Eindringlichkeit erfahren die beiden schließlich, (und hier beginnt die Deutung des Films), dass Ritas Rolle in dieser Existenz ausgespielt ist, dass Sie eigentlich tot sein müsste und nicht mehr weiterleben dürfte. Durch Verkleidung und Rollenwechsel versuchen Sie das Schicksal zu täuschen, aber es gelingt nicht… das macht die Traurigkeit des Films aus: Betty einmal naiv, lieb, unschuldig und hilfsbereit, in der zweiten Hälfte des Films, als Diane, depressiv, selbstmordgefährdet, rachsüchtig, ehrgeizig, triebgesteuert. Das Leben, ein Rollenspiel. Wir spielen darin, haben keinen Text, die Musik wie der Text für unsere Rolle kommt vom Band, so die erschütternde Botschaft, die Rita und Betty im Theater erfahren.

Auch Adam Kersher erhält in der Cowboy-Szene einen Fingerzeig des Schicksals. Individualität wird zurechtgestutzt auf das Maß der vorgegebenen Rolle.

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